Nekropolis – Die Stadt gehört uns! (von Anita Augustin)

Anja Tobler, Aaron Hitz

„Nekropolis ist brillant gespielt. Tobler und Hitz werfen sich hart am Publikum mit vollem, manchmal riskantem Körpereinsatz in die scharfen Dialoge der Autorin Anita Augustin. Ein schönes Versprechen, denn Anja Tobler und Hans-Jürg Müller gehören ab Sommer neu zum St.Galler Schauspielensemble des neuen Direktors Jonas Knecht. Dieser führt klug Regie im beengten Raum.“ (Peter Surber im Saiten – Ostschweizer Kulturmagazin)

Die LiveHörspielSerie von theater konstellationen

Was ist der Mensch?
Wenn es nach den Klügsten unter uns geht (Intellektuelle etc.), dann ist er so gut wie tot, also halb lebend, halb tot. Oder was soll man von einem Menschen halten, der mit den transplantierten Herzklappen eines Toten herumrennt? Was von einem Komapatienten, der jahrelang weder richtig stirbt noch richtig lebt? Was von den schönheitschirurgisch aufpolierten Models, die in ihrem Kampf gegen Alter und Tod am Ende aussehen wie Zombies? Was sollen wir von uns selbst halten? Von uns allen, die wir uns halb zu Tode schuften oder halb zu Tode shoppen oder halb zu Tode saufen?

„Nekropolis – Die Stadt gehört uns!” ist eine Serie von LiveHörspielen mit viralem Charakter. Das Sujet: Die Ausrottung der Menschheit durch eine globale Seuche in Gestalt von Zombies.

Den Pilot zur Serie hat theater konstellationen im Frühjahr 2016 produziert – dann ist das Virus am Theater St. Gallen, am Theater Aachen, am Theater Konstanz aufgetaucht und pflanzt sich, ausgehend vom Infektionsherd in St. Gallen, systematisch fort, von Theater zu Theater, von Stadt zu Stadt, von Folge zu Folge.


Besetzung

REGIE Jonas Knecht
TEXT & DRAMATURGIE Anita Augustin
AUSSTATTUNG Markus Karner
SOUNDDESIGN Martin Hofstetter
PRODUKTIONSLEITUNG Gabi Bernetta, theater konstellationen
GRAFIK Kaluza + Schmid, Martin Schmid

SPIEL Anja Tobler, Aaron Hitz, Hans Jürg Müller

Premiere war am 29.04.2016 in St.Gallen in der ehemaligen Produktionsstätte der Bäckerei Schwyter am Blumenmarkt 11 in der Innenstadt
Wir danken herzlich für die Unterstützung: Kulturförderung Kanton St.Gallen, Stadt St.Gallen, Migros Kulturprozent.
Ein besonderer Dank gilt Frau und Herr Schwyter von der Bäckerei Schwyter für die unkomplizierte Art, ihre Räumlichkeiten zu nutzen! Vielen Dank.


Video

Mittschnitt der Vorstellung vom 30.04.2016 am Blumenmarkt 11 St.Gallen
© Jost Nyffeler, Commedia, Bern


Presse

„Die Theater Infektion“
Kritik im Saiten – Ostschweizer Kulturmagazin vom 2.Mai 2016, von Peter Surber

„Lieber untot als lebedig“
Vorschau im St.Galler Tagblatt vom 28.April 2016, von Brigitte Schmid-Gugler


Das Projekt

Nekropolis – Die Stadt gehört uns! ist eine Serie von Live Hörspielen mit viralem Charakter. Das Sujet: Die Ausrottung der Menschheit durch eine globale Seuche in Gestalt von Zombies.
Die erste Folge wird 2016 am Theater St. Gallen produziert. Ausgehend von diesem Infektionsherd soll sich das Virus systematisch fortpflan- zen, von Theater zu Theater, von Stadt zu Stadt, von Folge zu Folge. Jede Folge hat lokalen Bezug: Das Hör- spiel in St. Gallen erzählt vom Ausbruch der Seuche in St. Gallen, das Hörspiel in Stuttgart erzählt von den untoten Stuttgartern. Je mehr Theater sich anstecken lassen und (mit geringem Aufwand) eine Folge der Serie produzieren, desto größer die Chance, dass wir es zu einer veritablen Pandemie bringen.
Parallel zum realen Raum wird auch der virtuelle zombifiziert. Auf einer Nekropolis-Website, die mit den Homepages der verbündeten Theater verlinkt ist, kann der interessierte Endzeitzuschauer die einzelnen Folgen als Mitschnitt streamen. Außerdem wird er mit Informationen über den aktuellen Stand der Seuche, die effizientesten Maßnahmen im Anti-Zombie-Kampf, den optimalen Barrikadenbau etc. versorgt. So bleibt das gesamte Nekropolis-Publikum vernetzt. Wer will, kann natürlich auch den Zug nehmen und von Folge zu Folge reisen.


Das Phänomen

Vor siebzig Jahren hat man die ersten lebenden Toten gesichtet, da sind sie auf der Bildfläche erschienen, und sie waren nicht weiter bemerkenswert. Traurige Gestalten aus der untersten Splatterschublade. Wir erinnern uns gerne an sie, wir werden nostalgisch dabei. Nein, was waren die Dinger harmlos! Hängende Schultern, stumpfer Blick, dazu der notorisch schleppende Gang, das traumwandlerische Taumeln Richtung Opfer mit ausgestreckten Armen, mehr flehend als bedrohlich, um Hilfe heischende Geste der Bestie, alles sehr niedlich. Und schnell erledigt.

Hacke raus, Rübe ab, fertig.

Der Schlichtheit des Tötens in den frühen Zombiefilmen entspricht die Schlichtheit des Diskurses rund um das Phänomen selbst. Was ist ein Zombie? Was bedeutet er? Antwort:Voodoo macht’s möglich, Belebung der Toten zum Zwecke ihrer Versklavung, aber dann rotten sie sich zusammen und proben den Aufstand. Unscharfe Kapitalismuskritik, Revolte der Lohnsklaven, klappt nicht so richtig, sie sind so blöd, im Genreklassiker Night of the Living Dead schwanken sie willenlos durch einen Supermarkt, und man weiß nicht so recht: Wollen die jetzt einkaufen oder was?

arrrgghhhh!

Heute sieht die Lage so aus: Zombies sind schnell, Zombies sind aggressiv. Sie wollen nicht einkaufen, sie wollen das Fleisch gratis. Unser Fleisch. Kein fauler Zauber hat ihnen zu ihrem untoten Leben verholfen, sondern einVirus. Zombies sind neuerdings krank. Blöd sind sie nach wie vor, aber nur als Individuen. Aus den Gruppen oder Horden, zu denen sich die Untoten der Pionierzeit mehr oder weniger willenlos zusammengerottet haben, ist eine millionenköpfige Masse mit Schwarmintelligenz geworden. Die Zombies des 21. Jahrhunderts sind keine Sklaven, haben keinen Herrn und brauchen keinen Führer. Freie Untote, Netzwerkzombies; verlinkt im Zeichen des kollektiven Willens, der da heißt: fressen!
Hungrig waren die Zombies schon immer, aber was sich früher als Karikatur eines Primärtriebs dargestellt hat (alles Lebende will Nahrung), erscheint bei den pathologisch aufgerüsteten Zombies der Gegenwart in völlig neuem Licht: Sie beißen nicht, weil sie hungrig sind, sondern weil sie ansteckend sind. Es geht nicht um Kannibalismus, es geht um Infektion. Wie es aussieht, wollen die zeitgenössischen Zombies vor allem eines: sich vermehren. Geschlechtliche Fortpflanzung ist ihnen in der Regel verwehrt, aber das haben sie auch gar nicht nötig.

Wozu Sex, wenn es die Seuche gibt?

Reproduktion durch Infektion.Wir ahnen, worauf die Sache hinausläuft.Wir ahnen Schreckliches: Die Masse der lebenden Toten arbeitet nicht an unserer Vernichtung, sie arbeitet an unserer Wiedergeburt als ihresgleichen.
Und jetzt mal ehrlich: Wäre das nicht wunderbar? Wäre das nicht in vielerlei Hinsicht ein Traum? Der politische Traum von einer durchdemokratisierten Weltgemeinschaft zum Beispiel?

Ein Volk, ein Wille, kein Führer?

Oder der sozialdigitale Traum vom perfekten Netzwerk? Oder der alte Menschheitstraum vom ewigen Leben, dem ein überwundener Tod vorausgeht? Nun ja, der vielleicht nicht, oder nur in einer paradoxen Paraphrase, denn als Zombies würden wir ja nicht ewig leben, sondern permanent sterben, und das post mortem. VirileVerwesung, Kadaver de luxe. Nicht besonders appetitlich, aber immer noch besser als tot sein. Oder?
Wie auch immer, eines steht fest: Die größte Herausforderung bei Nekropolis wird weniger darin bestehen, uns die Zombies vom Leib zu halten, als vielmehr darin, uns nicht freudig in ihre Arme zu werfen.